Wir verwenden eigene Cookies und Cookies Dritter, um die Nutzung der Website zu analysieren und um Werbung auf unserer und anderen Websites auszuspielen.
Verpassen Sie
keinen Artikel mehr!

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an:
per WhatsApp oder per E-Mail!

Unsere Hinweise zur Datenverarbeitung finden Sie hier.
Ich möchte per E-Mail von beziehungsweise (PE Digital GmbH) über aktuelle Artikel rund um die Liebe sowie über Produktangebote informiert werden. Diese Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden. Kontaktadressen entnehmen Sie unseren Datenschutzhinweisen.
Verpassen Sie keinen Artikel mehr!

Folgen Sie uns jetzt auf WhatsApp!

Unsere Hinweise zur Datenverarbeitung finden Sie hier.

„Du verhältst dich wie ein Mädchen!“

Sascha geht mal als Mann und mal als Frau durchs Leben. Wie gestalten sich Partnersuche und Liebesleben einer Drag Queen? Natalie Prinz auf Spurensuche in Berlin bei Absinthia Absolut.

Ein völlig verregneter, kalter Tag Ende April in Berlin. Macht nichts, denn später werden noch reichlich Pailletten, Federn und grelle Schminke Farbe in die Tristesse bringen. Für den Nachmittag bin ich mit Sascha verabredet. Über den ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr weiss, als das er unter dem Namen ‚Absinthia Absolut‘ als Drag Queen auftritt. Und auf dem vergangenen CSD in Berlin den 3. Platz bei der ‚Miss CSD 2015‘ Wahl belegt hat. Was in dieser Stadt mit all ihren schillernden Paradiesvögeln schon einem Ritterschlag gleichkommt. Da darf ich ja wohl auf Glamour hoffen.

Wie gestaltet sich das Liebesleben einer Drag Queen?

Berlin Neukölln. Hinterhof. Ein schmales Treppenhaus, ganz oben. Sascha steht im Türrahmen und erwartet mich. Die erste Überraschung des heutigen Tages: Vor mir steht ein fragiler, junger Mann in dunkelblauer Jeans, dem farblich passenden Jeanshemd und einer tropfenförmigen Brille mit sehr dünnem, schwarzen Rand. Ein zum schmalen Strich rasierter Schnurrbart ziert sein Gesicht, die langen Spitzen ragen weit über die Mundwinkel hinaus. Der Prototyp des Berliner Hipsters! Mit dem breitesten Lächeln, dass ich seit langem gesehen habe. Überhaupt strahlt Sascha eine Freundlichkeit aus, die mich sofort für ihn einnimmt.

Die Wohnung hat den Charme einer – allerdings sehr ordentlichen – Studentenbude. Kein Glitzer weit und breit. Aber wir sind ja auch erst bis zur Küche gekommen. Bei einem Tee fangen wir an zu plaudern. Sascha ist 27 Jahre alt. Frisör aus einer tief sitzenden Leidenschaft für Haare. Vor zweieinhalb Jahren von Hamburg nach Berlin gezogen. Seine zwei besten Freunde, die schon vor ihm den Schritt gewagt hatten, haben ihn dazu gedrängt. Sascha hat sich eigentlich ganz wohl gefühlt in seinen geordneten Hamburger Verhältnissen: Job. Freunde. Familie. Beziehungen hat es auch gegeben. Zwei. Zu älteren Männern. Aktuell ist er Single. In einer Beziehung sucht Sascha, ganz klassisch, Geborgenheit und Sicherheit. Mut gehört nämlich nicht zu seinen Charakterstärken, sagt er. Was mich wundert. Als Drag Queen aufzutreten, sich der gern ungnädigen, hauptsächlich schwulen Szene zu präsentieren, dazu gehört doch eine große Portion Selbstbewusstsein. In Hamburg hätte er das nicht gemacht. Mit der neu gewonnen Freiheit in Berlin aber kam das Gefühl nach „mehr“ auf.

Die zweite Überraschung: Vor einem Jahr erst ist ‚Absinthia Absolut‘ ins Licht der Öffentlichkeit getreten. Und Sascha kann sein, kann ihr Glück kaum fassen. Vor dem 3. Platz bei der CSD-Miss-Wahl hat Absinthia im letzten Herbst schon den 1. Platz bei der Wahl zur ‚GMF Miss Drag 2014‘ gemacht. ‚GMF‘ steht für eine legendäre schwule Partyreihe in den Räumen des ebenso legendären Café Moskau. Sascha findet, dass da viele tolle Drag Queens am Start waren, viel glamourösere als Absinthia. Gewonnen hat sie wohl, weil sie sich in einem Statement auf der Bühne auch für mehr Toleranz auch innerhalb der Szene eingesetzt hat. Die Community sollte mehr zusammen halten, findet Sascha. Wie die Menschen an sich. Er will durch Offenheit und Freundlichkeit seinen Teil dazu beitragen. Was für ein Glücksfall für diese Welt.

Absinthia wird hemmungslos angebaggert.

Der Flirtfaktor als Absinthia ist riesig. Ganz geheuer ist ihr das nicht. Ein Beispiel: Sascha tanzt gerne und das sehr exaltiert. Auf der Tanzfläche liebt er die großen Gesten. Schon als Teenager wurden Zuhause die Choreographien von Madonna nachgetanzt. Wenn er sich heute als Sascha mit wild umherfliegenden Armen und der ein oder anderen Pirouette im Nachtleben austobt, dann heißt es schon mal abschätzig: „Du verhältst dich wie ein Mädchen!“. Als Absinthia tanzt er ganz genau so. Nur die Reaktion seiner Umwelt ist eine völlig andere. Mit Perücke, Schminke und auf High Heels erntet er bewundernde Blicke und wird hemmungslos angebaggert. Absinthia hat sich deswegen erstmal eine Flirtpause verordnet. Sie will nicht missverstanden werden. One Night Stands sind nicht ihr Ding.

Sascha will weder ein Mädchen noch eine Frau sein. Absinthia ist eine reine Kunstfigur, ein „Produkt“. Sascha will als Sascha wahrgenommen werden. Und der ist ein eher schüchterner Mann. Den ersten Schritt machen? Er wüsste gar nicht wie. Es ist auch so, dass er sich gern bitten lässt. Und sehr wählerisch ist. Schon ein wenig prätentiös. Auf Dauer nur schwierig, aus dieser passiven Haltung heraus einen geeigneten Mann für eine feste Beziehung kennen zu lernen. Man muss viele Kröten küssen, um überhaupt erstmal einen Frosch zu finden. Eine feste Beziehung hätte Sascha gerne. Auch wenn er sich aktuell nicht danach sehnt. Absinthias Erfolg nimmt viel Raum ein dieser Tage. Und wenn Sascha liebt, dann komplett. Eine offene Beziehung kommt für ihn nicht infrage. Dazu ist er auch zu eifersüchtig. Da ist es wieder, dieses „mehr“.

Ein paar Monate lang hat er es übrigens mal auf einem schwulen Datingportal versucht. Sich mit Männern getroffen. Aber meistens ging es sehr schnell um Sex. Das hat ihn genervt. Ein schwuler Mann der von dem Verlangen nach schnellem Sex bei Verabredungen über ein schwules Datingportal genervt ist? Finde nur ich das süß und herzerfrischend?

Sascha muss sich gleich in Absinthia verwandeln, dass dauert. Zwei Stunden ungefähr. Heute Nacht hat er einen Auftritt in Kreuzberg. Ich werde hingehen, aber vorher will ich noch wissen, was für ihn die Schlüsselreize bei einem Mann sind. Gerne älter, dass hatten wir schon. Und sonst? Über die Antwort rutsch ich vor lachen fast vom Stuhl: Haarig und spitze Ohren. So eine Mischung aus Chewbacca und Mister Spock. Klingt ein wenig creepy, ich möge doch bitte einen Smiley dahinter setzen. Das passt zu einem, der alle X-Men Figuren in seinem Bücherregal stehen hat und Socken mit Hulk und Captain America trägt.

Wir geben uns die Hand. Bei Sascha ist es der Hauch seiner Hand.

Berlin Kreuzberg. 23 Uhr. „Pansy presents… Drag Race Season 7“. Wie jeden Dienstag findet im ‚Südblock‘, einem Veranstaltungsort für ein hauptsächlich homosexuelles Publikum, das gemeinschaftliche Gucken von ‚RuPaul’s Drag Race‘ statt. Der amerikanischen Drag Queen Variante von ‚Germanys next Top Model‘. Sozusagen. Nur das Heidi Klum niemals so authentisch sein wir wie RuPaul. Oder so eine große Künstlerin.
23 Uhr. Spät am Abend die nächste Überraschung: Der Laden ist an einem Dienstag mit ca. 200 Leuten gerammelt voll. Homos, Heteros, Pärchen, Singles – alles dabei. Es wird getrunken, geraucht, geknutscht, gelacht. Quer durch alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen. Sehr entspannt. Eine große Leinwand auf der Bühne und ein zur Leinwand umfunktioniertes Bettlaken für die hinteren Plätze. Für die zu spät gekommenen. Es könnte auch gleich das nächste Fußball EM- oder WM-Spiel übertragen werden.

Ich treffe Sascha als Absinthia wieder. Wow! Sie sieht aus wie eine Mischung aus Farah Fawcett in ihren besten Tagen und Cher. Neben mir ein Mann, der Absinthias lange, jede Frau vor Neid erblassenden Modelbeine mit einer Mischung aus Belustigung und Lüsternheit bis zu ihrem mit einer pinkfarbenen Plastiklilie verzierten Hintern abscannt. Es ist dieser Blick zwischen Abschätzigkeit und Bewunderung von dem Sascha mir am Nachmittag erzählt hat. Ja. Schön ist das nicht.

Als Absinthia endlich auftritt ist es fast 2:00 Uhr morgens. Sie tanzt sich mit den ihr eigenen großen Gesten den Weg durch die Gasse in der Menge hoch bis zur Bühne. Mata Hari war nichts dagegen. Das Publikum ist begeistert. Ich bin es auch. Selten habe ich einen so sympathischen Menschen getroffen. Absinthia steht eine große Karriere bevor. Die Liebe kommt. Erfahrungsgemäß dann, wenn man nicht nach ihr sucht. Aber Sascha will ja auch gefunden werden.

Verwandte Themen:

Über den Autor/die Autorin

Natalie Prinz

Natalie Prinz ist seit 25 Jahren freie Autorin für jede Form von Medien und war in den 90ern unter anderem für den Inhalt einer Staffel "Nur die Liebe zählt" mit Kai Pflaume verantwortlich. Bekennende Genusssüchtige. Nichts Menschliches ist ihr Fremd. Credo: „Da geht noch was!“. Lebt mit ihrer großartigen Tochter in Berlin. Wo sonst? Fotos macht sie auch: www.eyeem.com / [email protected]