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Alle Richtungen – Erzählung von Florian Tietgen

„Ich liebe dich“ steht auf dem Schild, das der junge Mann an der U-Bahn-Station in die Höhe hält. Ein Versprechen? Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte.

Eine Menschentraube bildet sich um ihn nur, wenn er den Wellen, die der Tunnel zur U-Bahn-Station Jungfernstieg rhythmisch ausspült oder aufsaugt, im Wege steht. Achtlos ziehen sie an ihm und dem Plakat, das er an einem Stab in die Höhe hält, vorbei. Einige riskieren einen kurzen Blick, schauen dann wieder in die Richtung, in die sie möchten, manche lächeln, andere schütteln den Kopf, die meisten aber tun nicht einmal das.

Er hat rotes, kurz geschnittenes Haar, trägt ein schlichtes hellblaues Hemd mit einer dunkelblauen Krawatte und einen beigefarbenen Anzug. Ich schätze ihn auf Anfang zwanzig.

Eine halbe Stunde stehe ich schon vor dem Alsterpavillon und beobachte ihn. Wie lange er dort steht, weiß ich nicht. Ich habe den anderen Ausgang genommen, gleich an den Anlegern für die Schiffe. Ich wollte das schöne Herbstwetter für eine Fleetfahrt nutzen, etwas, das man meistens nur mit Besuch von außerhalb macht. Jede Stadt hat ihre Attraktionen, die nur die Touristen kennen. Mir fehlte es an Zielen und an Freunden, die meinen freien Tag mit mir verbringen konnten, ich haderte ein bisschen mit meiner Einsamkeit und dem zweifelhaften Bemühen, das Beste daraus zu machen. In meiner leichten, beobachtenden Melancholie fielen er und sein Plakat mir auf.

Manchmal, wenn jemand abgelenkt von den Auslagen in den Schaufenstern, von Gesprächen oder davon, eine Rufnummer in sein Handy zu tippen, gegen ihn rennt, meine ich, Flüche von den Lippen lesen zu können: »Kannst du nicht aufpassen?«

Doch er steht unverdrossen auf dem Bürgersteig, lächelt, und hält sein Schild in die Höhe. »Ich liebe dich«, steht darauf. Kein Name. Wird der Satz nicht erst zu einer Aussage, wenn er jemanden hat, an den er sich richtet? Ohne Ziel erscheint er mir sinnlos. Vielleicht hat der Mann jemanden im Kopf, den er mit dem Plakat erreichen möchte, vielleicht arbeitet irgendwo in den Büros, den Geschäften oder Restaurants hier am Jungfernstieg eine junge Frau, die sich angesprochen fühlt? Möglicherweise ist er ein Stalker und auf irgendeinem Telefon wird gerade die Nummer der Polizei getippt. Oder er hatte Streit, es gab eine Trennung, die ihn verzweifeln lässt? Die Menschen, denen er im Weg steht, fühlen sich nicht angesprochen. Sie beachten ihn nur, wenn sie mit ihm kollidieren.

Ich aber bemerke leichte Unruhe, je länger ich ihn betrachte. Nicht nur, weil ich rotes Haar schon immer attraktiv fand oder sein Lächeln sympathisch wirkt. Sondern auch, weil ich dem Satz eine Richtung geben möchte, und wenn es nur die meine ist.

Vielleicht braucht das Plakat kein Ziel, vielleicht wartet es nur auf einen Menschen, der es liest? Vielleicht ist der Mann einsam oder Jesus, die Botschaft religiös und an alle Menschen gerichtet?

»Ich liebe dich.«

Ist das nicht leichtsinnig? Wer könnte alles kommen und das Versprechen einfordern? Und bei jeder Verweigerung wieder hervorholen? Du hast gesagt: »Ich liebe dich.«

Ein Blick zurück zur Alster, das Schiff, mit dem ich fahren wollte, legt gerade ab. Das nächste fährt in drei Stunden. Mit feuchter Hand zerbrösle ich gedankenlos das Ticket in meiner Tasche. Der junge Mann hält unverdrossen sein Plakat in die Höhe. Unbeachtet, unbestimmt, nur ein bisschen störend, bringt er mich aus dem Gleichgewicht. Wenn er wenigstens aussähe wie ein Freak. Manchmal tritt er auf der Stelle, als täten ihm die Füße schon weh, setzt das Plakat zwischendurch auf den Boden, streckt den Rücken durch, biegt die Schultern nach hinten, dann reckt er wieder den Arm wie für eine revolutionäre Botschaft.

Bewege ich meine Beine oder bewegen meine Beine mich? In kleinen Schritten gehe ich in Richtung Fahrbahn, bemühe mich, den Mann nicht mehr anzustarren, sondern auf den Verkehr zu achten, bevor ich die Straße überquere. Mein Herz klopft und trotz der hartnäckigen Ausdauer, mit der der Mann dort steht und ignoriert wird, fürchte ich, er könnte verschwinden, wenn ich zur nächsten Ampel oder durch den Tunnel gehe und ihn aus den Augen verliere. Oder jemand könnte mir zuvorkommen. Ich weiß zwar nicht, wobei, nicht einmal, was ich vorhabe und warum es mich auf die andere Straßenseite zieht, aber ich möchte den Mann aus der Nähe sehen. Eine Pause im Verkehr nutzend, welche die Ampelschaltung mir gewährt, hetze ich über die Fahrbahn, stolpere über den Kantstein und rappele mich wieder hoch.

»Haben Sie sich wehgetan?«, fragt eine Frau mit brünettem, langen, offenen Haar und reicht mir die Hand. Ihre Lippen sind rot, die Augen braun und sie lächelt mich an.
»Nein.«
»Dann ist ja alles in Ordnung«, sagt sie und ich nicke freundlich. Die Frau dreht sich fort und geht weiter. Ich sehe auf und suche nach dem Mann. Er steht noch da, vertritt sich gerade die Beine, streckt den Rücken durch, biegt die Schultern nach hinten und hebt sein Schild wieder in die Höhe. Ob er mich und meinen Sturz bemerkt hat?

Er hat Sommersprossen. Sein Hemd, aus der Ferne so ordentlich, weist Falten auf und ist schief geknöpft. Durch eine Lücke zwischen den Knöpfen sehe ich, er trägt nichts darunter. Die Krawatte ist etwas locker, vielleicht hat er sie gelöst, weil ihm warm wurde in der Mittagssonne, oder weil es ihm im dichten Verkehr an Luft zum Atmen mangelte?

Ich gehe näher auf ihn zu, schaue in sein Gesicht und warte, bis sein Blick den meinen trifft. Direkt vor ihm bleibe ich stehen, lächle, wie er, und als er mich ansieht, wende ich meinen Blick nach oben zu seinem Schild und wieder zurück und sage: »Ich nehme an.«
Sein Lächeln wird breiter, strahlender, er hält meinem Blick stand, einen Moment sehen wir uns direkt in die Augen.
»Cool.« Er senkt den Arm mit dem Plakat in der Hand, dreht das Schild so, dass es in seine Richtung zeigt und schweigt.

Ich muss verrückt sein.

Er könnte zu einer Sekte gehören, die mich in ihre Fänge bekommen möchte, oder pervers und auf der Suche nach Opfern sein.
Wir stehen einander gegenüber, drucksen an Wörtern und Ideen herum, die uns nicht kommen wollen, scharren mit den Füßen auf dem Gehwegpflaster und ein Impuls rät mir, ihm noch einen schönen Tag zu wünschen, mich in ein Café zu setzen und zu warten, bis um 16:45 Uhr die nächste Fleetfahrt beginnt. Ich bleibe stehen.
»Was machen wir jetzt?«, frage ich.
»Das habe ich mir gar nicht überlegt. Ich war sicher, es würde niemand reagieren.«
Ich schlage vor, einen Kaffee zu trinken, frage, wie lange er schon dort steht und ob er Hunger hat.
»Seit heute Morgen um neun. Kaffee und etwas zu essen wären also nicht schlecht.«

Den Stab, an dem er das Plakat befestigt hat, schleift er über den Asphalt, als wir über die Straße gehen. Er legt es unter seinen Stuhl und unter den Tisch, als wir im Alex einen Platz gefunden haben, an den wir uns setzen. Wenn ich die Beine ausstrecke, trete ich auf das Schild. Wir bestellen uns etwas, schauen uns an und an uns vorbei, schweigen, ich zünde mir eine Zigarette an, während wir warten. Er lehnt ab. Wagt er nicht, die Nase zu rümpfen?
»Dein Knopf«, sage ich.
Er sieht auf sein Hemd, lächelt, antwortet: »Danke«, und verschließt zu meinem Bedauern den Blick auf seine Haut.

Wir schweigen wieder, bis der Kellner kommt und unsere Bestellung bringt, mir einen Kaffee, ihm eine Currywurst, deren Geruch mir einen leichten Druck im Magen bereitet. Ich esse kein Fleisch.

»Was hast du erwartet?«, frage ich, sehe in sein Gesicht, während er sich einen Bissen in den Mund steckt, und würde ihn gern küssen.
»Gar nichts. Ich wollte einfach sehen, was passiert.« Er kaut, etwas Soße tropft auf sein Hemd und ich unterdrücke den Impuls, nach einer Serviette zu greifen, um den Fleck abzuwischen. Wir schweigen wieder. Solange er isst, verzichte ich auf die nächste Zigarette. Ich könnte bezahlen und gehen. Im Schweigen fühle ich mich nicht wohl, dazu kenne ich ihn zu wenig. Mir fehlt die Richtung, mir fehlen seine Bedürfnisse. Ob er mit mir käme und mit mir schliefe, wenn ich es ihm anböte? Vielleicht würde er sich durch sein Plakat dazu verpflichtet fühlen?

»Wie heißt du?« Das Ziel der Liebe braucht doch einen Namen, die Geilheit nicht, aber die Liebe.
Er lächelt. Lächelt er immer?
»Amos.«

Schweigen. Amos.

Von Gott gesandter Prophet mit rotem Haar und Sommersprossen. Ich würde ihn gern mitnehmen oder mit ihm gehen, meine Einsamkeit ein bisschen an ihm reiben, um mich hinterher noch einsamer zu fühlen. Seine Lippen, sein Lächeln, sogar seine Stille ziehen mich an. Aber Liebe?

Er fragt nicht nach meinem Namen, isst in Ruhe, trinkt seinen Kaffee, betrachtet mich.
»Bereust du das Plakat schon?«
Er schüttelt den Kopf. »Ich fühle mich nur etwas überfordert.«
»Lass uns die Versprechen vergessen. Wenn du willst, können wir die Handynummern austauschen.« Ich sehe auf die Uhr. Bis zur nächsten Fleetfahrt dauert es noch zwei Stunden, in denen ich durch die Innenstadt flanieren könnte.
»Warum hast du mich angesprochen?« »Aus Neugier. Ich wollte sehen, was passiert.«
Er kaut das letzte Stück. Als hätte ich nur darauf gewartet, greife ich sofort nach der Zigarettenschachtel.
»Und bereust du es?«
»Ein bisschen.« Ich kann ihm doch nicht sagen, ich fände ihn schlicht attraktiv.«

Wir zahlen, jeder für sich, ohne die Nummern auszutauschen.

»Was hast du jetzt vor?«, fragt er am Ausgang des Alex. Ich sage es ihm. Er begleitet mich. Das Plakat zieht er hinter sich her. An einem der Mülleimer halten wir an, zerreißen die Pappe und werfen sie hinein. Die Holzstange ragt daraus hervor, wie ein leerer Fahnenmast. Und zum ersten Mal lachen wir.

 

Cover: Sprachlosigkeiten – Geschichten über die Liebe von Florian Tietgen
Florian Tietgen
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Über den Autor/die Autorin

Florian Tietgen

Florian Tietgen (Jahrgang 1959) fand über das Theater und über eigene Liedtexte zum Erzählen. Seit 2003 veröffentlicht er Kurzgeschichten und Romane über verschiedene Verlage, seit tut er dies auch verlagsunabhängig. Hauptsächlich widmet er sich gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Themen.