Aus der Sicht eines Narzissten – Ein Interview

Erfahren Sie in diesem ungewöhnlichen Interview, was Sie über Narzissmus noch nicht wussten. Leonard Anders, der Autor des Buchs „Ein Narzisst packt aus“, erzählt von Therapieformen, Empathie und Beziehungen

Eric Hegmann: Lieber Herr Anders, oft wird behauptet, wir lebten im Zeitalter des Narzissmus. Jeder denke nur an sich. Ganz besonders in Beziehungen. Wie definieren Sie Narzissmus?

Leonard Anders: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine Traumafolgestörung, das heißt, ein Mensch entwickelt aufgrund seiner Traumata und seiner Prägung im Kindesalter Überlebensstrategien, die im Erwachsenenalter problematisch sein können. Da ich kein Arzt bin, möchte ich mich nicht zu irgendwelchen Diagnosen oder Störungsbildbeschreibungen äußern.

Ich unterscheide nicht zwischen Narzisst und Egoist, weil der Narzisst in meinen Augen auch ein Egoist ist. Ich unterscheide zwischen Egoist und Egozentriker. Der Egoist denkt zuerst an sich (was eigentlich normal ist) und der Egozentriker denkt nur an sich. Der Egoist nimmt sich das erste Stück vom Kuchen, der Egozentriker nimmt sich den ganzen Kuchen.

Auch unterscheide ich zwischen Narzissmus und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Narzisstische Persönlichkeiten sind meines Erachtens alle Menschen. Narzissmus ist für mich gleichzusetzen mit Selbstwert/Selbstliebe. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist demnach eine Selbstwertstörung oder Störung der Selbstliebe. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, wird andere auch für wertlos halten. Wer sich selbst nicht liebt, ist zu Nächstenliebe ebenso unfähig. Das klingt einfach, aber das ist es am Ende auch.

Professor Dr. med. Claas-Hinrich Lammers (der klinische Direktor der Psychiatrie Ochsenzoll), einer der Experten aus meinem Buch, sagt, dass wir jemanden zu schnell als Narzissten betiteln. Dass jemand viel Geld hat, ein großes Auto fährt oder sehr viel arbeitet, muss nicht heißen, dass dieser jemand deswegen ein Narzisst ist. Man sollte dabei vielleicht mal die eigenen Glaubenssätze hinterfragen.

In Ihrem Buch „Ein Narzisst packt aus“ outen Sie sich. Es heißt, ein Narzisst kann sich als Narzisst nicht erkennen. Wie kamen Sie dazu, sich selbst als anders zu erleben und schließlich eine Therapie zu beginnen?

Ein Narzisst ist erst ein Narzisst, wenn er von einem Psychiater mit entsprechender Ausbildung diagnostiziert wurde. Ich war schon immer ANDERS, daher auch mein Pseudonym. Und jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise anders. Bei mir ist es so, dass ich 2003 meinen ersten Zusammenbruch erlitten habe. Zwischen 2003 und 2008 gingen viele Ärzte von einer Borderline-Störung aus. Ich selber habe mich aber nie so gesehen. 2008 sagte mein damaliger Therapeut, dass ich in seinen Augen kein Borderliner wäre, sondern vielleicht ein Narzisst. Er sei sich aber nicht sicher. Er riet mir zudem, nicht permanent Therapie zu machen. Irgendwann kann man auch nichts mehr aufnehmen. Ich stimmte ihm zu und folgte seinem Rat. Bis 2013 habe ich dann auch versucht, ohne Therapie auszukommen. Mal hatte ich mehr Erfolg, mal etwas weniger.

2013 kam dann aber mein zweiter Zusammenbruch. Erneut suchte ich mir Hilfe. Diesmal wurde erstmals der Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung geäußert. Nach acht Wochen stationärem Aufenthalt versuchte ich wieder beruflich Fuß zu fassen. Dies gelang mir ganz gut. 2015 durchlief ich dann eine erneute klinische Diagnostik. Da bestätigte sich dann der Verdacht auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Ich wollte dieses Mal nicht den gleichen Fehler machen wie 2003, als ich mir jedes Buch über emotional instabile Persönlichkeitsstörungen durchgelesen habe, um zu beweisen, dass ich nicht betroffen bin. Ich habe die Diagnose akzeptiert. Ich begann dann ambulante Psychotherapie, genauer gesagt die Schematherapie. Während der Zeit auf der Warteliste bekam ich einmal im Monat ein Psychologengespräch. Als dann 2016 endlich eine Schematherapie begann, erlitt ich meinen dritten Zusammenbruch. Dann entschied ich mich nochmals zu einem stationären Aufenthalt.


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