Solange ich mich nicht selbst verleugne

Für die Liebe alles aufgeben: Romantisch oder gefährlich? Thorsten Wittke über die Grenzen, die er zieht zwischen Selbstaufgabe, Abhängigkeit und Egoismus 

Ein guter Freund fragte mich neulich, was ich bereit wäre, für eine Beziehung zu opfern. Die Antwort fiel mir schwer. Ein Opfer ist etwas, das man freiwillig gibt oder auf das man verzichtet, obwohl es sehr schwerfällt. Eine Beziehung ist, aus meiner Sicht, ein Zugewinn von etwas, das ich erhalte. Wie kann das eine etwas mit dem anderen zu tun haben? ­

Für mich ist es ganz normal, wenn eine neue Partnerin in mein Leben tritt, mich mit ihr, ihrem Leben und den Dingen, die sie macht, auseinanderzusetzen. Selten war da von Anfang an eine hundertprozentige Übereinstimmung. Angefangen bei Kleinigkeiten wie Tatort vs. Blockbuster am Sonntagabend über vegan vs. omnivore bis hin zu Berge vs. Meer. Im Vordergrund steht für mich der Wunsch, meinem Gefühl zu folgen. Wenn für mein Gegenüber das Herzchen klopft, fällt es mir leicht, Vorurteile, Erfahrungen und Ressentiments nochmals auf den Prüfstand zu stellen. Auc­h wenn ich gestern noch gerne den Samstagvormittag verschlafen habe und man mich nur unter Androhung von Prügel auf einen Antikmarkt bringen konnte, heißt das nicht, dass ich der Sache heute nicht noch eine Chance geben kann. Vielleicht erwartet mich genau mit diesem Menschen ein spannendes Erlebnis und lässt mich frühere Erfahrungen mit anderen Augen sehen. Ich sollte es also wenigstens mal versuchen. Das erwarte ich auch von meiner Liebsten. Und wenn wir dann doch feststellen, dass irgendwas massiven Widerwillen bei einem von uns auslöst, nun gut, dann muss ich – oder sie – das dann doch alleine machen, kann passieren.

Ich bin da wohl old-school.

Therapeuten und Psychologen warnen mich davor, dass ich mich auf diesem Weg selbst verlieren könnte. Sie sehen mich auf dem Weg in die emotionale Abhängigkeit von einem Partner. In deren Szenarien bin ich jemand ohne Selbstvertrauen, der die Anerkennung und Aufmerksamkeit von dem Menschen braucht, den ich am meisten mag. Sie raten dazu, ständig in mich reinzuhören und, sobald es irgendwie kneift, die Reißleine zu ziehen. Alternativ ginge auch zanken, weil Streiten die Beziehung stärkt.

Jetzt habe ich nicht Psychologie studiert, aber für mich klingt das nicht logisch. Aus meiner Sicht ist das Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit in jedem Menschen tief verwurzelt und der Antrieb für Entwicklung und Fortschritt. Wenn dem nicht so wäre, säßen wir immer noch in der Höhle und würden darauf warten, dass jemand die Tür erfindet. Was also ist verkehrt daran, aufgeschlossen zu sein? Sich die Fähigkeit zu bewahren, offen, neugierig, freundlich und vor allem unvoreingenommen auf Neues zuzugehen?


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